Die Szene.

Das Volk Israel ist unterwegs durch die Wüste. 600.000 Männer, dazu Frauen und Kinder. Bei jedem Streit, jeder Frage, jeder Unklarheit kommen die Leute zu einem: zu Mose.

Er sitzt vom Morgen bis zum Abend. Die Schlange wird nicht kürzer. Mose entscheidet alles selbst — weil er glaubt, dass genau das seine Aufgabe ist.

Dann kommt Jethro, sein Schwiegervater, zu Besuch. Er schaut sich das einen Tag lang an und sagt sinngemäß: „Das ist nicht gut, was du tust. Du reibst dich auf, und die Leute mit dir. Das schaffst du nicht allein."

Sein Rat: Such dir fähige Leute. Gib ihnen Verantwortung für die kleinen Fälle. Kümmere dich nur noch um das, was wirklich schwierig ist.

Das Prinzip.

Mose hält sich nicht für überlastet. Er hält sich für unentbehrlich.

Das ist der feine Unterschied. Wer alles selbst entscheidet, fühlt sich gebraucht. Verantwortungsvoll. Nah dran.

Tatsächlich baut er einen Engpass. Der Engpass ist er selbst.

Jethro sieht, was Mose nicht sieht: Nicht die Menge der Arbeit ist das Problem. Sondern dass alles durch eine einzige Person muss.

Das kenne ich auch von mir: Herzpatienten sind nicht im Verein. Sie sind im Vorstand.

Im Berufsalltag.

Dreieinhalbtausend Jahre später sieht es nur anders aus.

Die Schlange vor Moses Tisch ist heute ein volles Postfach. Die Streitfälle sind Freigaben, Rückfragen, „kurze" Entscheidungen. Mittendrin sitzt eine Führungskraft, bei der alles zusammenläuft — weil sie es so eingerichtet hat.

Meist aus den besten Gründen. Ich mach das schnell selbst. Erklären dauert länger als machen. Wenn ich's abgebe, wird es nicht so, wie ich es will.

Jeder dieser Sätze stimmt. Zusammen ergeben sie einen Flaschenhals.

Delegieren heißt nicht, Arbeit loszuwerden. Es heißt, die Sache so zu bauen, dass sie auch ohne Dich weiterläuft. Genau das hat Jethro gemeint — lange bevor jemand das Wort Organisation buchstabieren konnte.

Die Frage.

Welche Entscheidung landet regelmäßig auf Deinem Tisch — obwohl sie da längst nicht mehr hingehört?


Die Szene steht im Alten Testament: 2. Mose 18, 13–27 (Lutherbibel).

Wenn Du darüber sprechen willst, wo bei Dir gerade alles zusammenläuft: Das erste Gespräch ist kostenlos.